Kopfbild Mühlheim am Main 1
06.10.2017 erstellt von: Thomas Gelling


Wassertour

Wassertour (1): Am Oder-Radweg

Ein Bericht über eine Bootstour beim ADFC? – Nein, natürlich nicht. Bei meiner Sommertour dieses Jahr spielte Wasser aber eine große Rolle und tatsächlich wäre ein Boot zuweilen das bessere Verkehrsmittel gewesen.

Es ging nur durch Deutschland und warum auch nicht: Viele schöne Radwege warten, kombiniert mit guter Ausschil­derung und fast überall gibt es Zimmer und Restaurants. Es muss also nicht immer die Abenteuertour sein. Etwas ruhiges Gemütliches – das war mein Plan für den Sommer 2017. Und bis zur Hälfte der Tour ging der Plan auch auf.


Die Tour begann in Stralsund, zunächst entlang der Oder, dann entlang der Neiße nach Süden führte die Tour. Das „Problem“: Der Oder-Radweg nördlich von Gartz führt eben nicht entlang der Oder, sondern kreuzt durchs Land. Besser ist es, schon bei Hintersee auf die polnische Seite zu fahren. Immer nahe der Oder (Odra) geht es auf gemütlichen Landstraßen nach Süden. Abzuraten ist nur von Experi­menten mit unbefestigten Wegen auf der polnischen Seite. Die Straßen sind die bessere Wahl, zumal sich der Verkehr in Grenzen hält. Außerdem plant Polen, selbst einen Oder-Radweg aus­zuschil­dern. Im Sommer war davon aber noch nichts zu sehen. Vom polnischen Greifenhagen (Gryfino) geht es wieder auf die deutsche Seite. Gleich hinter der Grenze, in Mescherin, links. Es rumpelt etwas über den Waldweg bis Gartz. Dort angekommen hat man den Oder-Radweg, der auf Asphalt ewig und einsam nach Süden führt. Ich erreichte die Neiße und ein Stück weiter drehte ich nach Westen.

Das Harz war nun das Ziel. Man trifft einen ausgeschilderten Radweg – den Frosch-Radweg. Der Name klingt zugegebenermaßen etwas albern, zumal mir nicht ein Frosch begegnete… ☺ Dennoch ist der Weg bis Hoyerswerda ein Geheimtipp. Abwechslungsreich geführt, meistens auf Asphalt, es läuft gut. Ab Hoyers­werda ging es über tausend kleine Dörfer, bis ich bei Mühlberg auf den Elbe­radweg gelangte. Ein paar Kilo­meter weiter findet man diesen wahrlich umfassenden Wegweiser (Foto 2).


Schließlich war der Ostharz erreicht. Der Wetterbericht kündigte für die nächsten Tage „ergiebigen Dauerregen“ an. Regen? – Na gut, dann halt Regen, dachte ich mir mit völligem Vertrauen auf meine Regenausrüstung. Am 24. Juli gegen Mittag kam der Regen genau wie vorhergesagt. Mein Ziel an diesem Tag war der Gasthof „Steinerne Renne“ oberhalb von Wernigerode im Wald. Das Hotel gehört ebenfalls in die Kategorie Geheimtipp: Romantisch gelegen an einem Wasserfall mit gutem Essen und ebenso guten Zimmern (Foto 3).


Es regnete – den Nachmittag über, am Abend, die Nacht durch und auch am nächsten Morgen. Nicht allzu stark, aber gleichmäßig. Und da kam mit der Zeit richtig viel Wasser runter. Der Wasserfall neben der „Steinernen Renne“ hat sich in einen reißenden Fluss verwandelt (Foto 4).


Die Wirtin empfahl mir, eine weitere Nacht zu bleiben. Ich lehnte dankend ab und startete. Schwer gegen den Berg ging es, der Brocken war das Ziel. Auf dem Weg dahin war es bald mit dem Fahren vorbei. So breit wie der Weg war kam mir Wasser entgegen. Zum Teil war das Fahrrad bis zu den Naben im Wasser und schon nach Minuten habe ich es aufgegeben, meine Füße irgendwie trocken zu halten. Der Weg wurde ausgewaschen und bestand nur noch aus Steinen. An Fahren war nicht mehr zu denken. Bergauf und schwer gegen das Wasser schiebend ging es weiter.
An der Brockenstraße, auf 880 Höhenmetern angekommen war dann Schluss. Es hatte keinen Zweck, bei diesem Wetter auf den Brocken zu fahren. Besonders frustrierend war es, dass das schon der dritte vergebliche Versuch in diesem Jahr war, dort hoch zu fahren. Mit dem Abbruch der Bergfahrt bekam ich es mit einem neuen Problem zu tun, nämlich die Tatsache, dass es nur acht Grad „warm“ war, wohlgemerkt am 25. Juli. So lange es bergauf geht, bleibt man warm, komme was da will. Aber in einer langen Gefällefahrt „feuert“ man nicht mehr. Der nach wie vor andauernde Regen machte es auch nicht besser. Auf der Brocken­straße schnell abwärts unterwegs nach Schierke wurde es fast unerträglich kalt. „Dann nimm eine dicke Jacke mit“, höre ich den geneigten Leser mitleidig lächelnd raten. Und ich gestehe: Ich hatte ja eine recht derbe Gore-Tex-Jacke dabei. Ein unverwüstliches Teil, das mit Kälte und Regen ohne weiteres fertig wird. An diese Jacke, treu und brav vorn links in der Tasche verstaut, habe ich an diesem Tag aber schlicht und einfach nicht mehr gedacht und glauben Sie mir, niemand ärgert sich darüber mehr als ich. Und ja, Sie dürfen jetzt lachen oder sich auch mit der flachen Hand vor die Stirn schlagen. Sie haben ja Recht!

Das Tagesziel Lautenthal habe ich am Nachmittag erreicht. In meiner üblichen Pension angekommen ging es unter die Dusche, trockene Kleidung angezogen und schon kam die Welt wieder mit sich ins Reine. Die Pensionswirte haben auch erlaubt, meine doch ziemlich abgerissen aussehenden Fahr­rad­sachen zu waschen, gleich am nächsten Morgen. Aber dazu kam es nicht.
An diesem Morgen kam ich mit bester Laune aus dem Zimmer, der Regen hatte nachgelassen und ich freute mich auf das Frühstück. Außerdem war die Straße auf der Pension überschwemmt. – Moment! Die Straße überschwemmt? – Tatsächlich habe ich mir die Augen gerieben, bevor einen zweiten Blick auf die Straße riskierte. Ein guter halber Meter Wasser stand auf der Straße (Foto 5).


Das Fahrrad parkte wie üblich in der Waschküche der Pension. Diese lag noch eine Treppenstufe niedriger als die Straße und alles darin stand 70 cm unter Wasser, das dem Fahrrad bis fast zum Ober­rohr reichte. Was war passiert? Der kleine namensgebende Bach, die Laute, ist durch den Dauer­regen zu einem reißenden Fluss geworden. Mitgeschwemmtes Material hatte sich oberhalb der Pension in einer Brücke verkeilt und diese verstopft. Das Wasser ging dann über die Brücke, die Straße entlang und sammelte sich in der kleinen Senke der Straße vor der Pension, bis es auch daraus überlief und den Ort überschwemmte. Zwischen dem Ort und der Innerste, einem größeren Fluss, in den die Laute mündet, liegt der alte Bahndamm mit der Folge, dass das Wasser nicht ablaufen konnte. Wohnungen, Garagen und sogar Wohnmobile standen unter Wasser, zum Teil über eineinhalb Meter.

Natürlich ist es viel schlimmer, wenn große Flüsse über die Ufer gehen und ganze Städte und Dörfer über­schwemmen, doch ich gestehe, dass ich schockiert war und ich mir nicht ausmalen möchte, welche Verheerungen ein großes Hochwasser anrichten kann. Im Vergleich dazu war diese Über­schwemmung allenfalls eine Lappalie. Dennoch waren die Schäden riesig. Durchnässte Möbel standen überall vor den Häusern, nagelneue Autos gerieten in den Garagen unter Wasser – oftmals Totalschäden. Das Schlimmste aber war nicht das Wasser selbst, sondern der Schlamm, den es mitführte. Als am Vormittag das Wasser vor der Pension weg war – die Feuerwehr hatte die Brücke wieder frei bekommen –, ging es ans Schlamm­schippen, an dem ich mich natürlich beteiligte. Nasses, schweres Zeug, das man kaum gelöst bekommt und wenn dann doch, läuft es wieder von der Schaufel. Eine Arbeit, die gefühlt kein Ende nimmt.

Was ich bewundert habe war, dass viele Bürger aus Lautenthal den Betroffenen zu Hilfe kamen und einfach mit anpackten oder die Feuerwehr unterstützten. Auch ich war unterwegs und packte an, wo es nötig war. Denn mit dem Verschwinden des Wassers vor meiner Pension war das Problem nicht gelöst. Eine weitere Brücke, gerade unterhalb des Hauses, war ebenfalls zugesetzt und das Wasser der Laute spülte über die Hauptstraße und setzte den westlichen Ortsrand unter Wasser (Foto 6).


Mit zwei Dämmen über die Hauptstraße konnte das Wasser dann kanalisiert werden (Foto 7, im Hinter­grund).


Auch der Folgetag war von Aufräumarbeiten geprägt und ich muss sagen, dass ich noch von keiner Radtour so erschöpft war wie von diesen zwei Tagen. Am dritten Tag waren die schlimmsten Folgen beseitigt und ich konnte mich am Nachmittag das erste Mal wieder mit dem Fahrrad beschäftigen. Nach Kontrolle aller Lager war schnell klar: Es ist kein bleibender Schaden entstanden – Maschinenbau made in Germany!

Nach einer kurzen Proberunde ging es am nächsten Morgen durch den Harz. Viele Wege waren unbe­fahrbar und sind es noch heute (Stand: 6. Oktober 2017). Man konnte aber dennoch über die Hauptwege fahren. Die Sonne kam auch wieder. Die Bäche und Flüsse normalisierten sich, als wollten sie sagen: „Wir haben gar nichts gemacht“.

Ich blieb noch eine Woche im Harz. Schon bald waren die Gesprächsthemen wieder von den Dingen des Alltags bestimmt. Die Krise war vorbei. Ich machte mich langsam auf den Weg nach Hause. Vom Harz an die Weser, ab Hann. Münden der Fulda folgend und über Schlitz und den Hessischen Radfern­weg R7a in das malerische Städtchen Lauterbach. Die Fahrt über den Vulkan­radweg als letzte Etappe war Formsache.

Was von dieser Tour blieb, ist Demut vor der Natur und ihren Kräften und ein bisschen Stolz darauf, einen kleinen Beitrag geleistet zu haben. Radfahren, draußen sein, etwas erleben und die eigenen Kräfte spüren, geht nur im Einklang mit der Natur. Legt man sich mit ihr an und fordert sie zum Kampf heraus, steht der Sieger von vorn herein fest.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern noch viele gute Touren!


Wassertour (2): Baum-Wegweiser am ElberadwegWassertour (3): „Steinerne Renne“ vor dem RegenWassertour (4): „Steinerne Renne“ nach dem RegenWassertour (5): Überflutungen in LautenthalWassertour (6): Überflutungen in LautenthalWassertour (7): Aufräumarbeiten in Lautenthal

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  • Kommentar von Edeltraud Dörr am 14.10.2017:

    Respekt

    Auf solch Erlebnis kann man (n) stolz sein!




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